Zeitzeugenbörse Duisburg stellt neues Buch vor: Die Duisburger Straßenbahn

Als der Schienenverkehr noch maßgeblich das Stadtbild bestimmte

Vier Tage vor der Eröffnung der U-Bahn vor dem Amtsgericht.

Vier Tage vor der Eröffnung der U-Bahn vor dem Amtsgericht.

Am 11. Juli 1992 ging die erste U-Bahn in Duisburg in Betrieb. Damit endeten in der Innenstadt 111 Jahre Verkehrsgeschichte, die maßgeblich von der Straßenbahn geprägt worden waren. Schienenfahrzeuge und Autoverkehr auf der Königstraße kann sich jemand, der es nicht selber erlebt hat, gar nicht vorstellen. Wo heute Fußgänger in Ruhe schlendern, Kinder spielen und Menschen im Sommer vor den Eiscafés, auf Bänken unter den Bäumen oder an den vielen Brunnen sitzen, brummten bis Anfang der neunziger Jahre motorisierte und elektrifizierte Verkehrsmittel über die Hauptverkehrsader im Zentrum von und zum Hauptbahnhof.

titel_400Zurück in Zeiten, in denen der Verkehr auf den Straßen aus Straßenbahnen, Fußgängern und gelegentlichen Pferdefuhrwerken (und später auch ersten vereinzelten Autos) bestand, versetzt den Leser das neue Buch der Zeitzeugenbörse Duisburg e. V. Mit „Die Duisburger Straßenbahn“ präsentierte der erste Vorsitzende Harald Molder ein reichhaltig bebildertes Werk, welches eine Menge technische Informationen über die Straßenbahn und ihrer Entwicklung verbindet mit einer Einordnung in die Historie der heutigen Stadt Duisburg.
 

Kaiserstraße in Laar mit Kirche St. Ewaldi 1910, heute heißt sie Friedrich-Ebert-Straße.

Kaiserstraße in Laar mit Kirche St. Ewaldi 1910, heute heißt sie Friedrich-Ebert-Straße.

An jeder Gaststätte eine Haltestelle
Von der Pferdebahn über die Dampfbahn bis hin zur Elektrischen Straßenbahn entwickelte sich der Massenverkehr, lange bevor das Automobil zum Volksverkehrsmittel wurde. Nachgezeichnet haben die Autoren technische Entwicklungen –vom Rollenstromabnehmer zum Scherenstromabnehmer – ebenso wie notwendige „Standardisierungen“: Im Norden gab es die Meterspur, im Süden die Regelspur, am Ruhrorter Friedrichsplatz trafen sich die Linien und ermöglichten den Fahrgästen den Umstieg. Die Gleise der Meterspur wurden in den Sechziger Jahren abgerissen. Der linksrheinische Schienenverkehr zwischen Rumeln, Rheinhausen, Homberg und Moers wurde 1954 eingestellt. Spuren davon finden sich nur noch auf alten Fotos.

Die Brücke von Ruhrort nach Homberg wurde 1907 eröffnet.

Die Brücke von Ruhrort nach Homberg wurde 1907 eröffnet.

Viele Aufnahmen zeigen im Hintergrund ein historisches Stadtbild, welches überwiegend heute verschwunden ist, man aber an vielen Stellen noch nachvollziehen kann. Da, wo die Schienenwege verschwunden sind, ist die Atmosphäre heute eine ganz andere, auch wenn die Häuser dort noch stehen. Das gilt für die Straßen ebenso wie für heutige Fußgängerzonen: Das „Tempo“ ist ein ganz anderes. Haltestellen legte man damals häufig nicht nur vor die Tore der Fabriken, sondern auch vor die Gasthäuser entlang der Strecke, womit die Wirte gerne warben. Dies bot den Autoren ebenfalls reichlich Stoff für Histörchen und Anekdötchen.

Den berühmten Harkort-Wagen der früheren D-Bahn sieht man auch heute noch hin und wieder im Stadtbild. Die 1926 gebaute historische Straßenbahn wird vom Tram-Club 177 (http://www.tramclub.de/) liebevoll gepflegt und kann für Sonderfahrten auf der Strecke der Linie 903 gemietet werden. Allerdings muss die Bahn, die der Duisburger Verkehrsgesellschaft DVG gehört, nach einem unverschuldeten Unfall erst wieder repariert werden. Sie wird ihre Fahrten wohl er im nächsten Jahr wieder aufnehmen …

Bahnen brachten Arbeiter zur Fabrik: der „Proletenbagger“

Linie 6 an der Haltestelle Tor 6 der Thyssen-Hütte um 1915. Links führen die Schienen durch den Matena-Tunnel nach Alsum.

Linie 6 an der Haltestelle Tor 6 der Thyssen-Hütte um 1915. Links führen die Schienen durch den Matena-Tunnel nach Alsum.

Die Vielzahl von Straßenbahngesellschaften schlossen sich nach der Umwandlung der Duisburger Straßenbahnen GmbH in eine „AG“ 1940/41 zur Duisburger Verkehrsgesellschaft AG zusammen. Von ehemals unzähligen Linien sind heute nur noch zwei Straßenbahnlinien übrig: die 901 und die 903. Beide Linien wurden früher von verschieden Bahnbetrieben auf einzelnen Abschnitten bedient. Die Stationen der damaligen Verkehrsführung haben sich nicht großartig geändert, man findet sie auch heute noch im Stadtgebiet wieder. Die große Ausnahme bilden hier die Streckenabschnitte in der Innenstadt, die in die U-Bahn-Röhren verlegt wurden.

Endstation der Düsseldorf-Duisburger Kleinbahn an der Düsseldorfer Straße 1905 (Blick von der Königstraße).

Endstation der Düsseldorf-Duisburger Kleinbahn an der Düsseldorfer Straße 1905 (Blick von der Königstraße).

Die Düsseldorf-Duisburger Kleinbahn GmbH etablierte ab 1900 die Verbindung zwischen den beiden Nachbarstädten. Die 1926 zur Schnellbahnlinie D (oder D-Bahn) ausgebaute Strecke kennt man heute als U79. Eine zweite Strecke nach Hüttenheim zur Wendeschleife (Linie 8) ist heute Teil der Linie 903. Wie so viele Strecken war sie für den Transport der Arbeiter zu Werken und Fabriken gebaut worden und wurde im Volksmund abfällig „Proletenbagger“ genannt.

Friedrich-Wilhelm-Straße 1910. Rechts die heutige Lenzmannstraße, wo es zum Parkhaus Forum geht.

Friedrich-Wilhelm-Straße 1910. Rechts die heutige Lenzmannstraße, wo es zum Parkhaus Forum geht.

Einzelne Kapitel des Buches widmen sich den unterschiedlichen Straßenbahnbetrieben, die es seit den 1880er Jahren bis zur Vereinigung in der Duisburger Verkehrsgesellschaft in unserer Stadt gab. Bekannter werden die Straßenansichten im unfangreichen DVG-Kapitel, da sie sich – weil neueren Datums – im Stadtbild besser einordnen lassen. Mit dem Kapitel „Stadtbahn Rhein-Ruhr – auf dem Weg zur U-Bahn“ schließt sich der Kreis, der den Straßenbahnverkehr von der Innenstadt bis Meiderich unter die Erde gebracht hat. Schmankerl wie „Auch das ist Duisburger Straßenbahngeschichte“ (Stichwort „Gläserner Hut“) und „Duisburger Straßenbahnen auf fremden Gleisen“ runden ein hochinformatives und spannendes Buch ab, das nicht nur für Straßenbahnfreunde, sondern auch für Stadthistoriker ein Muss ist. Denn mit den Straßenbahnen sind auch die historischen Ansichten vielfach verschwunden oder haben ihr Gesicht massiv verändert. Garniert wird die Bilderschau mit vielen Details aus der Duisburger Stadtgeschichte, für die heutzutage kaum noch Quellen öffentlich sind.

Die Königstraße als vierspurige Hauptverkehrsstraße mit Straßenbahn 1965.

Die Königstraße als vierspurige Hauptverkehrsstraße mit Straßenbahn 1965.

Gunther Asshauer, Frank Bocek, Rainer Bongart, Uwe Bongert, Elsbeth Brockerhoff, Dieter Daniels, Karl Ergoi, Wolfgang Ksoll, Richard Luthardt, Harald Molder, Heinz Pischke, Hilmar Schmidt, Reinhold Stausberg und Thomas Taulien haben mit Fotos und Postkarten oder mit ihrem Wissen für die Erstellung der Buchtexte zum Gelingen des Projekts beigetragen. Eingeflossen ist u. a. auch Material von ehemaligen DVG-Direktoren oder Pensionären, Fachleute von der DVG halfen mit Informationen zur Technikgeschichte.

Das Buch „Die Duisburger Straßenbahn“ ist wie andere Bücher der Zeitzeugenbörse auch im Sutton Verlag, Erfurt, erschienen. Das 128 Seiten starke, gebundene Werk zieren 203 bislang weitgehend unveröffentlichte Fotografien, die ein Autorenteam fachkundig kommentiert und in die Geschichte Duisburgs eingebettet hat. Das Buch kostet 19,99 Euro und ist im lokalen Buchhandel erhältlich (ISBN 978-5-95400-361-7).

Endhaltestelle in Tieflage vor dem neuen Hauptbahnhof Ende der dreißiger Jahre.

Endhaltestelle in Tieflage vor dem neuen Hauptbahnhof Ende der dreißiger Jahre.

Zeitzeugenbörse Duisburg e. V.
Die Zeitzeugenbörse Duisburg wurde von Harald Molder ins Leben berufen. Unter seinem Vorsitz ist sie 2007 auch ins Vereinsregister der Stadt eingetragen worden. Seither vernetzen sich engagierte Heimatforscher, um Duisburger Stadtgeschichte auch in Ausstellungen, Vorträgen und Büchern erlebbar zu machen.

Zur vollständigen Liste der bisherigen Publikationen der Zeitzeugenbörse Duisburg e. V. im Sutton Verlag geht es hier im Menüpunkt „Bücher“.

© 2014 Petra Grünendahl (Text)
Fotos aus „Die Duisburger Straßenbahn“

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Über Petra Grünendahl

"Mich kann man nicht beschreiben, mich muss man erleben ;-)" . . . . . . . . . . . . Freie Journalistin aus Duisburg (Ruhrgebiet, Deutschland). . . . . . . . . . . . . . . . . IN*TEAM Redaktionsbüro Duisburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auto-Testberichte, Verkehrssicherheit, Binnenschifffahrt & Logistik, . . . . . . . Wirtschaft & Verbraucherthemen und vieles mehr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Presse- & Öffentlichkeitsarbeit, Strategien & Konzepte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (Foto: Petra Grünendahl)
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