Zentrum für Erinnerungskultur: Neue „DenkStätte“ in Duisburg

“Wir müssen die Jungen erreichen,
sie zum nachdenken anregen“

Von Petra Grünendahl

Anne Ley-Schalles (l.) und Robin Heun (r.) bei ihrem hochinteressanten Vortrag über die Pogromnacht 1938. Foto: Petra Grünendahl.

Anne Ley-Schalles (l.) und Robin Heun (r.) bei ihrem hochinteressanten Vortrag über die Pogromnacht 1938. Foto: Petra Grünendahl.

„Die große Synagoge in Duisburg stand 63 Jahre lang, aber wir haben nur zwei Bilder von ihr“, erklärte Anne Ley-Schalles, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Zentrums für Erinnerungskultur, in ihrem Vortrag zu den „Novemberpogromen 1938 in Duisburg“. Zusammen mit ihrem Kollegen Robin Heun stellte sie beim „Tag der offenen DenkStätte“ dar, wie die Juden in Duisburg nicht nur verfolgt und deportiert wurden, sondern wie die Nazis systematisch versuchten, die Spuren jüdischen Lebens in Deutschland zu tilgen. Von der Synagoge in Ruhrort gibt es lediglich ein Foto, als sie in der Pogromnacht in Flammen stand. Jüdisches Leben in Duisburg war vor 1933 vielfältig gewesen, nach zwölf Jahre Nazi-Herrschaft praktisch kaum noch vorhanden. Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus beschränkt sich allerdings nicht nur auf die Judenverfolgung, sondern auf die Opfer des faschistischen Terrors insgesamt.

Offizielle Eröffnung des Zentrums für Erinnerungskultur (v. l.): Dr. Andreas Pilger (Direktor des Stadtarchivs), Kulturdezernent Thomas Krützberg, Alt-Oberbürgermeister Jupp Krings, Oberbürgermeister Sören Link, Dr. Susanne Sommer (Direktorin des KSM). Foto: Petra Grünendahl.

Offizielle Eröffnung des Zentrums für Erinnerungskultur (v. l.): Dr. Andreas Pilger (Direktor des Stadtarchivs), Kulturdezernent Thomas Krützberg, Alt-Oberbürgermeister Jupp Krings, Oberbürgermeister Sören Link, Dr. Susanne Sommer (Direktorin des KSM). Foto: Petra Grünendahl.

Mit der Fertigstellung der „DenkStätte“, deren Eröffnung mit einem Tag der Offenen Tür, Führungen durchs Haus und hochinteressanten Vorträgen und Vorführungen historischen Filmmaterials gefeiert wurde, ist die erste Baustufe abgeschlossen. Schon seit Herbst 2014 ist das Zentrum für Erinnerungskultur Menschenrechte und Demokratie (ZfE) tätig mit Ausstellungen und Führungen. Die „DenkStätte“ richtet sich an Schulen und Bildungsträger und positioniert sich als außerschulischer Lernort mit pädagogischen Angeboten besonders für junge Leute. „Hardcore-Nazis wird man damit nicht erreichen“, sagte Oberbürgermeiste Sören Link bei der Einweihung. Die Hoffnung läge vielmehr bei den Jungen, die man erreichen wolle. Migrationswellen seit dem 19. Jahrhundert hätten, so Link, die Entwicklung in Duisburg gefördert und gehörten zur Identität der Stadt. Die Ablehnung von „anderen“ sei besonders ausgeprägt, wenn es keine Kontakte zu Betroffenen gäbe. Hier will das ZfE ansetzen mit der Vermittlung von Zeitzeugenberichten und persönlichen Erlebnissen. Zehn Jahre habe die Realisierung des Projekts gedauert, das ursprünglich als „NS-Dokumentationszentrum“ bezeichnet worden war: „Wir hoffen, dass die engagierte Arbeit hier Früchte trägt.“

DenkStätte als außerschulischer Lernort

Ort für Recherche: die "DenkStätte" mit Computerarbeitsplätzen. Foto: Petra Grünendahl.

Ort für Recherche: die „DenkStätte“ mit Computerarbeitsplätzen. Foto: Petra Grünendahl.

Brennend in der Pogromnacht 1938: Das einzige Foto der Synagoge in Ruhrort. Foto: Petra Grünendahl

Brennend in der Pogromnacht 1938: Das einzige Foto der Synagoge in Ruhrort. Foto: Petra Grünendahl

Rechts ein Bild von der Synagoge an der Junkernstraße, links Herta Herzstein, Sekretärin der judischen Gemeinde. Foto: Petra Grünendahl.

Rechts ein Bild von der Synagoge an der Junkernstraße, links Herta Herzstein, Sekretärin der judischen Gemeinde. Foto: Petra Grünendahl.

„Unsere Präsentation muss Jugendliche ansprechen. Das ist wichtig, denn das Thema ist schon schwierig genug“, erklärte Dr. Andreas Pilger, Direktor des Stadtarchivs und damit einer der beiden verantwortlichen Leiter des ZfE. „Wir konzentrieren uns auf Biographien und Orte, darauf, Lebenswege mit Originalquellen anschaulich zu vermittelt. Es geht nichts über die Suggestivkraft persönlichen Erlebens.“ Dabei nutzt das Zentrum aber auch moderne Medientechnik für die Vermittlung: Tablet-Rechner und kleine Notebooks stehen für Recherchen zur Verfügung. Zu den aktuellen pädagogischen Angeboten zählen Workshops zu den Themen „Erinnerungskultur und Erinnerungslandschaft in Duisburg“, „Jüdisches Leben in Duisburg“ sowie „Antiziganismus in Vergangenheit und Gegenwart“.

Die Projektleitung des Zentrums für Erinnerungskultur liegt bei Dr. Susanne Sommer, Direktorin des Kultur- und Stadthistorischen Museums (KSM), Völkerkundlerin und Regionalhistorikerin, und Dr. Andreas Pilger, Direktor des Stadtarchivs, Historiker. Die Räumlichkeiten des Zentrums befinden sich teils im KSM, teils im Stadtarchiv und sind von beiden Seiten zugänglich: Sie verbinden also quasi die beiden Einrichtungen miteinander, die das Projekt in Kooperation schultern. Zum Projektteam zählen mit Dr. Michael Kanther, Anne Ley-Schalles M. A. und Robin Heun B. A. drei weitere Historiker mit unterschiedlichen Schwerpunkten innerhalb des Forschungsgebietes Faschismus/Nationalsozialismus. „Wir sind eine Bildungs- und Forschungseinrichtung. Grundlagenforschung ist weiterhin dringend notwendig“, so Dr. Susanne Sommer.

Vernetzung des Gedenkens

Brennend in der Pogromnacht 1938: Das einzige Foto der Synagoge in Ruhrort. Foto: Petra Grünendahl

Brennend in der Pogromnacht 1938: Das einzige Foto der Synagoge in Ruhrort. Foto: Petra Grünendahl

Zeichnung und Grundriss der Synagoge,, die zwischen 1875 und 1938 an der Junkernstraße stand. Dort steht heute eine evangelische Gedenkkapelle. Foto: Petra Grünendahl.

Zeichnung und Grundriss der Synagoge,, die zwischen 1875 und 1938 an der Junkernstraße stand. Dort steht heute eine evangelische Gedenkkapelle. Foto: Petra Grünendahl.

Besucherführung in die Räume des Stadtarchivs: Historiker Dr. Michael Kanther (Bildmitte links) und Marinko Betker (Bildmitte rechts) zeigen ihre Schätze. Foto: Petra Grünendahl.

Besucherführung in die Räume des Stadtarchivs: Historiker Dr. Michael Kanther (Bildmitte links) und Marinko Betker (Bildmitte rechts) zeigen ihre Schätze. Foto: Petra Grünendahl.

Nicht für jedermann zugänglich: Je wichtiger der Unterzeichner, desto größer das SIegel: Originaldokument im Bestand des Stadtarchivs. Foto: Petra Grünendahl.

Nicht für jedermann zugänglich: Je wichtiger der Unterzeichner, desto größer das SIegel: Originaldokument im Bestand des Stadtarchivs. Foto: Petra Grünendahl.

Seit im Oktober 2014 das Konzept des Zentrums für Erinnerungskultur vorgestellt wurde, hat es mit diversen Veranstaltungen im Kultur- und Stadthistorischen Museum sowie Führungen und Rundgängen zu Orten des Gedenkens erste Aktivitäten gegeben. Eine Landmarke setzte das Projektteam vor gut einem Jahr in dem Räumen des KSM mit der Ausstellung: „Noch viele Jahre lang habe ich nachts von Duisburg geträumt“ – Jüdisches Leben in Duisburg von 1918 bis 1945, die bis Anfang dieses Jahres lief. Diese Ausstellung war nicht nur von lokaler Bedeutung, sondern fand weltweit ein Echo: Zum Teil seien Nachfahren von Duisburger Juden hergekommen, so Dr. Sommer, um sich die Ausstellung anzusehen und Spuren der eigenen Vergangenheit zu finden.

Die nächste Ausbaustufe wird der Umbau der bisherigen Räume des Museums Stadt Königsberg sein (die Ausstellung ist ja bekanntlich nach Lüneburg gegangen), zu der die Umbauarbeiten gerade begonnen haben. Dort soll eine Dauerausstellung des Zentrums für Erinnerungskultur eingerichtet werden. Neben den Ausstellungsmaterialien gibt es auch viele Dokumente und Urkunden im Stadtarchiv, die Einblicke in das Leben und die Verfolgung von Menschen im Dritten Reich geben. Ein Lesesaal im Stadtarchiv steht ebenfalls für Recherchen zur Verfügung. Einige Schriften sind dort zugänglich, andere wiederum muss man sich aus den Archivbeständen holen lassen. Mitarbeiter des Stadtarchiv sind bei der Suche behilflich (Öffnungszeiten Di, Mi, Fr 9 – 13 Uhr, Do 13 – 18 Uhr, weitere Infos: http://www.duisburg.de/stadtarchiv).

Das Zentrum für Erinnerungskultur Menschenrechte und Demokratie (ZfE) findet man am Innenhafen: Karmelplatz 5, 47051 Duisburg (Eingang des Stadtarchivs auf der Rückseite des Gebäudes, Parkplätze am Rathaus) oder unter http://www.duisburg.de/erinnerungskultur. Für Infos und Anmeldungen zu den Workshops, Ausstellungsführungen oder Recherchen im Archiv, zu fachlich ausgerichteten Planspielen und Diskussionsrunden rund um die Thematik erreicht man das ZfE unter Telefon 0203 / 283-2640 oder eMail zfe@stadt-duisburg.de.

© 2016 Petra Grünendahl (Text und Fotos)

Über Petra Grünendahl

"Mich kann man nicht beschreiben, mich muss man erleben ;-)" . . . . . . . . . . . . Freie Journalistin aus Duisburg (Ruhrgebiet, Deutschland). . . . . . . . . . . . . . . . . IN*TEAM Redaktionsbüro Duisburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auto-Testberichte, Verkehrssicherheit, Binnenschifffahrt & Logistik, . . . . . . . Wirtschaft & Verbraucherthemen und vieles mehr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Presse- & Öffentlichkeitsarbeit, Strategien & Konzepte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (Foto: Petra Grünendahl)
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