Von Duisburg in die Welt: „Die meine Wege kreuzten“ von Walter Kaufmann

Von den Eisbergen unter Wasser,
dem Unsichtbaren unter dem Sichtbaren

Von Petra Grünendahl

Walter Kaufmann mit „Schade, dass du Jude bist“ in der Synagoge. Foto: Petra Grünendahl.

„Zieh los und fang das Leben ein“, forderte Bob Mansfield in Melbourne den jungen Walter auf, den für seine zu gründende Filmproduktion gewinnen wollte. Aus der Filmfirma wurde nichts, aber Walter Kaufmann lernte, Menschenleben mit der Kamera festzuhalten und zog als Straßenfotograf durch Australien. Ein anderer, David Martin, habe ihn die Kunst des Weglassens gelehrt, berichtet Kaufmann aus der Zeit, wo er in Australien an seinem ersten Roman arbeitete: „Aufbau, Gliederung und Präzision hatte er mir erklärt“, so Kaufmann, und dass zwischen den Zeilen viel verborgen sein müsse: „Wie bei Eisbergen unter Wasser.“ Seine ersten Romane schrieb er auf Englisch, verarbeitete seine trotz junger Jahre reichlichen Lebenserfahrungen: „Sich tief aus meinem Unbewussten Erinnerungen kristallisierten, ich plötzlich Begebenheiten aus dem Deutschland der Nazis bildhaft zu schildern vermochte.“ Nach Deutschland ging er erst zurück, als seine Bücher Mitte der 1950er-Jahre ins Deutsche übersetzt wurden: Erst nach Duisburg, wo er aufgewachsen war, – dann ins „andere Deutschland“, die DDR.

Der mittlerweile 94-jährige Schriftsteller Walter Kaufmann hat für sein neues Buch „Die meine Wege kreuzten“ 70 Begegnungen aus über neun Jahrzehnten auf drei Kontinenten ausgewählt. Überall hat er Menschen kennengelernt, die seinen weiteren Lebensweg mit prägten: Mal mehr, mal weniger. Es sind Begegnungen, mit denen Kaufmann vordergründig kleine Geschichten erzählt – und auf einer tieferen Ebene auch Geschichte: Von Deutschland vor dem Faschismus, der Nazi-Zeit, Flucht und Internierung, von seinen Reisen durch die Welt, die ihn mit verschiedenen Kulturen und Leben im Totalitarismus konfrontierten – einer Unterdrückung, die er selber in der DDR so eher nicht erlebt hatte – über die Wende bis hin zu 9/11 und schließlich einer Lesung in seiner alten Heimatstadt Duisburg 2016.

Auf knappe 168 Seiten reduziert hat Kaufmann seine Episoden: Die kurz gehaltenen Erzählungen gehen auf eine Art in die Tiefe, deren Andeutungen über die reinen Texte weit hinausgehen und Bände füllen könnten. Die zumeist knapp zweiseitigen Kapitel sind chronologisch angeordnet, auch wenn Kaufmann darin zum Teil Handlungsstränge über einen längeren Zeitraum des Kennens und Erlebens verdichtet. Trotz ihrer Kürze sind die Texte selten leichte Kost.

Der Kreis schließt sich in Duisburg

Walter Kaufmann mit „Schade, dass du Jude bist“ in der Synagoge. Foto: Petra Grünendahl.

Walter Kaufmann schildert seine Begegnung von ersten Erinnerungen seiner Jugend in Duisburg und Düsseldorf bis zu einer Lesung der Synagoge im Duisburger Innenhafen zu den Jüdischen Kulturtagen. Der Kreis schließt sich hier mit Manfred Tietz, dem ehemaligen Geschichtslehrer am Steinbart-Gymnasium, der zusammen mit Rudolf Tappe „Tatort Duisburg 1933 – 1945“ über Widerstand und Verfolgung im Faschismus herausgegeben hat. Tietz hatte die Stolpersteinverlegungen vor Kaufmanns Elternhaus in der Prinz-Albrecht-Straße für Sally und Johanna Kaufmann in die Wege geleitet und diese mit seinen Schülern begleitet.

„Das Leben hat es gut mit mir gemeint“, hatte Kaufmann auf dieser Lesung in der Synagoge (link) gesagt. Der Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten war er dadurch entgangen, dass es seinen Eltern gelungen war, ihn rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Immer wieder sind ihm auch danach Menschen begegnet, die ihn auch weiter gebracht haben und ihn – im positiven wie im negativen – neue Einsichten haben gewinnen lassen. Vieles ist angedeutet, der Leser ist gefragt, tiefer zu denken und einzudringen in die Geschichte hinter den Geschichten.

Walter Kaufmann
Walter Kaufmann wurde 1924 in Berlin als Jizchak Schmeidler, Sohn einer jüdischen Verkäuferin geboren. Im Alter von zwei Jahren adoptierten ihn der jüdische Anwalt Dr. Sally Kaufmann und seine Frau Johanna. Kaufmann wuchs in Duisburg an der Prinz-Albrecht-Straße auf und ging aufs Steinbart-Gymnasium. Nach der Reichskristallnacht 1938 wurde sein Adoptivvater, der auch Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde war, verhaftet, kam aber aus Dachau zurück nach Duisburg. Anfang 1939 schickten seine Eltern Walter mit einem Kindertransport über Holland nach Großbritannien. Sie selber kamen nicht mehr aus Deutschland weg: 1942 brachte man sie ins KZ Theresienstadt, im Oktober 1944 nach Auschwitz, wo ermordet wurden. Vor seinem Elternhaus in Duissern erinnern Stolpersteine an Sally und Johanna Kaufmann.

Von Großbritannien wurde Walter Kaufmann 1940 als „feindlicher Deutscher“ nach Australien deportiert, wo man ihn zunächst internierte. Nach einigen Landarbeiterjobs diente er schließlich vier Jahre als Freiwilliger in der Australischen Armee. Nach seiner Militärzeit schlägt er sich erst als Werftarbeiter durch, arbeitet dann als Straßenfotograf und wird schließlich Seemann bei der Handelsmarine, um die Welt kennen zu lernen. Sein erstes Buch erschien 1953. Nach ersten Erfolgen wurden seine Werke in Deutsche übersetzt. Er ging nach Duisburg zurück, durfte aber sein Elternhaus nicht wieder betreten. Für eine Rückgabe des einst arisierten Hauses oder eine Entschädigung war es zu spät. So ließ sich Kaufmann 1957 in der DDR nieder, behielt aber seine australische Staatsbürgerschaft. Seit Ende der 1950er-Jahre war er hauptberuflich als Schriftsteller tätig. Er lebt in Berlin.

Das Werk „Die meine Wege kreuzten – Begegnungen aus neun Jahrzehnten“ von Walter Kaufmann ist im Quintus-Verlag (Imprint des Verlages für Berlin-Brandenburg) erschienen. Das 168-seitige Hardcover-Buch mit Schutzumschlag ist zum Preis von 18 Euro im lokalen Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-947215-24-9). Mehr unter http://www.quintus-verlag.de/buecher/die-meine-wege-kreuzten.html

Wir durften Walter Kaufmann 2016 auf dem „Fest des Jüdischen Buches“ in einer Lesung erleben: https://duisburgamrhein.wordpress.com/2016/09/19/achtes-fest-de-juedischen-buches-im-rahmen-der-juedischen-kulturtage/

© 2018 Petra Grünendahl (Text und Fotos)

Über Petra Grünendahl

"Mich kann man nicht beschreiben, mich muss man erleben ;-)" . . . . . . . . . . . . Freie Journalistin aus Duisburg (Ruhrgebiet, Deutschland). . . . . . . . . . . . . . . . . IN*TEAM Redaktionsbüro Duisburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auto-Testberichte, Verkehrssicherheit, Binnenschifffahrt & Logistik, . . . . . . . Wirtschaft & Verbraucherthemen und vieles mehr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Presse- & Öffentlichkeitsarbeit, Strategien & Konzepte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (Foto: Petra Grünendahl)
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