Avantgarde-Sonderausstellung „Willi Baumeister International“ im Museum Küppersmühle für moderne Kunst (Juli 2014)

Walter Smerling: „Baumeister hat der deutschen Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Würde zurückgegeben“

Kuratorin Dr. Ilka Voermann und Museumsdirektor Prof. Walter Smerling im Pressegespräch zur Retrospektive. Foto: Petra Grünendahl.

Kuratorin Dr. Ilka Voermann und Museumsdirektor Prof. Walter Smerling im Pressegespräch zur Retrospektive. Foto: Petra Grünendahl.

„Die Räume hier sind wunderschön und riesengroß. Da wirken die Bilder ganz anders als in Stuttgart“, erklärte Kuratorin Dr. Ilka Voermann. Die größeren Bilder der späteren Schaffensphasen eines Willi Baumeister (1889 – 1955) kommen gerade in den großen, weiten Räumen hinter dem Eingangsbereich besonders gut zur Geltung. Der Besucher arbeitet sich vom sehr abstrakten Spätwerk des Künstlers zu seinen Anfängen und Wurzeln zurück, in denen er deutliche figürlicher malte und stilistisch wie mit Materialien experimentierte, was frühe Werke deutlich plastischer wirken lässt. Dabei orientierte er sich eher am französischen Impressionismus als am deutschen Expressionismus.

Kuratorin Dr. Ilka Voermann führt nach dem Pressegespräch durch die Ausstellung. Foto: Petra Grünendahl.

Kuratorin Dr. Ilka Voermann führt nach dem Pressegespräch durch die Ausstellung. Foto: Petra Grünendahl.

Das Museum Küppersmühle für Moderne Kunst (MKM) im Duisburger Innenhafen zeigt in seinem Räumen im Erdgeschoss die Sonderausstellung „Willi Baumeister International“. Konzipiert hatte Kuratorin Ilka Voermann diese Retrospektive mit rund 100 Werken des deutschen Künstlers für das Kunstmuseum Stuttgart. Dort befindet sich das Willi-Baumeister-Archiv, in Stuttgart hatte Baumeister größte Teile seines Lebens verbracht. „Wir haben die Ausstellung hier rückwärts aufgebaut,“ so Voermann. Chronologisch also vom späten Werk zurück zu den Anfängen seiner Malerei, vom Abstrakten und Informellen zurück zum Gegenständlichen und Figürlichen bis hin zu einer Sammlung seiner grafischen Werke. Ein Film über Baumeister aus dem Jahr 1954 sowie private Fotos, die Baumeister mit Künstlerkollegen, Kunsthistorikern, Galeristen und Sammlern zeigen, runden die Retrospektive ab.

Kreation statt Imitation: Kunst als Ausdruck der Freiheit

Rundgang durch die Ausstellung. Foto: Petra Grünendahl.

Rundgang durch die Ausstellung. Foto: Petra Grünendahl.

Nach einer Lehre als Dekorationsmaler – seine Eltern bestanden auf einer ordentlichen Ausbildung – studierte Baumeister an der Kunstakademie Stuttgart. Schon während seines Studiums hatte er erste Ausstellungen seiner Werke, sogar im benachbarten Ausland. Dort fasste er auch nach dem zweiten Weltkrieg wieder Fuß: 1949 stellte er als einer der ersten deutschen Künstler in Paris aus. Künstlerisch war er nie auf Deutschland beschränkt, sondern lebte „Europa“ lange vor Montan-Union, EWG und EU. Nicht nur als international anerkannter Künstler, auch als Kunstprofessor und Kunsttheoretiker ging sein Einfluss über Deutschland weit hinaus. „Deutschland hat sich mit Künstlern wie ihm aus seiner kulturlosen Epoche in die Welt der Freiheit zurückgemeldet“, skizzierte Museumsdirektor Walter Smerling Baumeisters Bedeutung für die Neuausrichtung der Kunst nach 1945.

Über Ländergrenzen hinweg: Kunst für Europa

Rundgang durch die Ausstellung. Foto: Petra Grünendahl.

Rundgang durch die Ausstellung. Foto: Petra Grünendahl.

Baumeister war in Stuttgart verwurzelt. Auch wenn er rege Kontakte zu Künstlern und Galeristen im Ausland hatte, kam er kaum aus Stuttgart weg. Bereits im März 1933 entfernten ihn die Nationalsozialisten aus seinem Lehramt, einer Professur, die er seit 1928 an der Frankfurter Kunstgewerbeschule (Städelschule) inne hatte. Noch bis Kriegsbeginn stellte er auch im Ausland aus. 1941 erst folgte dann ein Mal- und Ausstellungsverbot in Deutschland: Seine Kunst galt als „entartet“. Schon in den 1930er Jahren war er in die innere Emigration gegangen: Er blieb in Deutschland, malte heimlich weiter und pflegte seine Kontakte zu Künstlern in Deutschland und Europa. Seinen Lebensunterhalt verdiente er während der Nazi-Zeit unter anderem mit Gebrauchsgrafik und ab 1937 in der Entwicklungsabteilung der Wuppertaler Lackfabrik Herberts. Unternehmer Dr. Kurt Herberts beschäftigte in dieser Zeit mehrere von den Machthabern verfemte Künstler, denen er so ein Überleben in Deutschland sicherte. Baumeister entwickelte sich auch in dieser Zeit künstlerisch weiter, auf der Suche nach dem Unbekannten: Der Künstler „lässt sich überraschen von dem, was unter seinen Händen entsteht“, schrieb Baumeister 1947 in seinem Werk „Das Unbekannte in der Kunst“.

Sponsoren sichern Öffentlichkeit die Kunst
„Die Lackfabrik Herberts, bei der Baumeister während der Nazi-Zeit beschäftigt war, produziert heute unter anderem Namen Autolacke. Sie war damals und ist heute immer noch Kunde von uns“, erklärte Markus Langer, Leiter Konzernmarketing und PR bei Evonik Industries, bei der Ausstellungseröffnung. Ein Kreis schließt sich! Das Essener Unternehmen für Spezialchemie ist Hauptsponsor des Museums Küppersmühle und zusammen mit der Sparkasse Duisburg Sponsor der Baumeister-Retrospektive.

Kuratorin Dr. Ilka Voermann führt nach dem Pressegespräch durch die Ausstellung. Foto: Petra Grünendahl.

Kuratorin Dr. Ilka Voermann führt nach dem Pressegespräch durch die Ausstellung. Foto: Petra Grünendahl.

„Was wäre Duisburg ohne die Philharmoniker, die Oper, das Theater, seine Museen – ohne Kunst: Nur noch Stahlstandort und Logistikstandort, aber nicht mehr lebenswert“, begründete Johannes Hümbs, stellvertretender Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Sparkasse Duisburg, zur Eröffnung das Engagement des kommunalen Geldinstituts. „Was ohne Leidenschaft nicht geht wie Kunst, wäre heute ohne Sponsoren nicht mehr möglich.“ Auch Willi Baumeister maß der Kunst eine Bedeutung zu, die über ihre „Wirtschaftlichkeit“ hinaus geht: „Die Kunst gehört zum Menschen, um ihn voll zu machen, um ihm Gleichgewicht [und] Harmonie zu geben, um dem verwirrenden Getriebe des Alltags begegnen zu können. Der Mensch wird durch den Umgang mit der Kunst auf sich selbst zurückgeführt“, bekundete er 1952 in einer Umfrage des Süddeutschen Rundfunks (SDR).

Museumsdirektor Prof. Walter Smerling bei der Ausstellungseröffnung. Foto: Petra Grünendahl.

Museumsdirektor Prof. Walter Smerling bei der Ausstellungseröffnung. Foto: Petra Grünendahl.

„Ohne die Unterstützung von Sponsoren könnten wir diese Wechselausstellungen gar nicht machen. Wir danken Evonik Industries und der Sparkasse Duisburg dafür“, so Walter Smerling. In der Retrospektive sind auch Baumeister-Werke des Darmstädter Kunstsammler-Ehepaars Sylvia und Ulrich Ströher zu sehen, deren Sammlung bekanntlich im Museum Küppersmühle seine Heimat hat.

 

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Künstler auf der Suche: Werk als Vorstoß ins Unbekannte
Die Retrospektive „Willi Baumeister International“ ist noch bis zum 5. Oktober 2014 in den Erdgeschossräumen des Museums zu sehen. Das Museum Küppersmühle findet man am Innenhafen am Philosophenweg 55 (Haupteingang). Mittwochs ist das Museum von 14 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags bis sonntags sowie feiertags von 11 bis 18 Uhr. Montags und dienstags ist Ruhetag. Der Eintritt kostet nur für die Wechselausstellungen 6 Euro, für das gesamte Haus (inkl. Wechselausstellung) 9 Euro. Ermäßigt sowie bei Gruppen ab 10 Personen zahlt man pro Person 4,50 Euro, Kinder und Schüler über sechs Jahren zahlen 2 Euro. Kinder unter sechs Jahren haben freien Eintritt, ebenso donnerstags alle Duisburger. Alle Ausstellungsräume des Museums sind auch für Menschen mit eingeschränkter Mobilität zugänglich. Führungen durch die Sammlung sowie laufende Ausstellungen gibt es jeden Sonntag um 15 Uhr, aber auch nach Vereinbarung. Mehr Informationen gibt es auf den Internet-Seiten des Museums Küppersmühle für Moderne Kunst.

© 2014 Petra Grünendahl (Text und Fotos)

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