Die unglückliche Rolle von Prof. Schreckenberg

Für 20.000 Euro kaufte man sich bei der Stadt ein Gutachten von Professor Michael Schreckenberg ein. Nicht ganz so teuer wie das Gutachten nach der Loveparade, aber gut angelegtes Geld, denn hiermit konnte sich „die Stadt“ (oder vielmehr Adolf Sauerland) hinterher gut verteidigen. Genauso wie man sich nach der Katastrophe ein Gutachten von einer Anwaltskanzlei für 300.000 Euro kaufte, hinter dem sich Adolf Sauerland verstecken konnte („Die Verwaltung hat keine Fehler gemacht“). Geld übrigens, welches an anderer Stelle in Duisburg viel besser angelegt gewesen wäre!
Ich schätze Prof. Schreckenberg als Wissenschaftler in seinem Bereich, der Physik von Transport und Verkehr, sehr! „Stauforscher“ mag eine passende Bezeichnung für ihn sein, „Panikforscher“ – Entschuldigung, der Mann hat noch nie im Leben eine Massenveranstaltung wie z. B. ein Rockkonzert besucht – ist er definitiv nicht! Er sollte den Entfluchtungsplan absegnen. Gewarnt hatte er wohl vor dem Tunnel: Viel zu leise? – Oder wollte es einfach nur keiner hören? Das gehörte ja nicht zu dem, was der Professor absegnen sollte. Und war dieses Gutachten vielleicht schon dazu da, hinterher sagen zu können: „Wieso, wir haben doch alles richtig gemacht?“ – Der Schluss liegt sehr nahe!

Ich muss Prof. Schreckenberg den Vorwurf machen, dass er sich für die 20.000 Euro nicht einmal das Gelände aus der Nähe angeguckt hat. Da ist er ganz böse in die Falle getappt, die er möglicherweise gar nicht erkannt hat. War sie ihm wissentlich und mit Absicht gestellt worden? War das jemanden schon vorher klar, dass das Genehmigungspaket für die Loveparade auf sehr wackeligen Beinen stand? – Auch wenn er „nur“ den Entfluchtungsplan absegnen sollte: Professor Schreckenberg ist instrumentalisiert worden, denn seine Aussage für einen kleinen Teilbereich ist als Absegnung der ganzen Veranstaltung verkauft worden. Herr Schreckenberg, ich hoffe, Sie passen beim nächsten Mal besser auf und gucken sich alles an!
Der Alte Güterbahnhof ist von der Uni Duisburg fußläufig zu erreichen. Durch den Tunnel (Unterführung Karl-Lehr-Straße), auf die Rampe und oben an der Rampe hätte er es sehen müssen: Der geringe Abstand vom oberen Rampen-Ende, von wo sich die reinströmenden Besuchern hätten auf das Gelände verteilen sollen, wären an dem Zug (egal ob laufend oder stehend) und den Zuschauern nur wenige Hundert daran vorbei auf’s Gelände verteilen konnten. Nicht aber die 35.000 Besucher, die links und rechts in Spitzenzeiten aus der Unterführung auf die Rampe strömen sollten. Ich habe dort oben an der Rampe gestanden, auf die Hallen geguckt und mich gefragt: Wie konnte man das hier als Zugang genehmigen. Und nicht nur als Zugang, sondern gleichzeitig als Ausgang … Hier ist – nicht zum letzten Mal in dieser Angelegenheit – ein Gefälligkeitsgutachten von der Stadt, die eigentlich kein Geld für die Loveparade ausgeben durfte – gekauft worden!

Das Loveparade-Gelände: Luftaufnahme und Grafik des Veranstalters

Alter Güterbahnhof in Duisburg: Gelände der Loveparade 2010. © Foto: Petra Grünendahl

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12 Antworten zu Die unglückliche Rolle von Prof. Schreckenberg

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  3. Alex schreibt:

    Sehr geehrte Frau Gründendahl,
    Sie schreiben in ihrem Blog folgenden Satz:

    […] Panikforscher“ – Entschuldigung, der Mann hat noch nie im Leben eine Massenveranstaltung wie z. B. ein Rockkonzert besucht – ist er definitiv nicht! […]

    Da möchte ich ganz entschieden widersprechen. Ich kenne mehrere Artikel von Prof. Schreckenberg et al. Gehen Sie bitte davon aus, dass Herr Schreckenberg ein guter Panikforscher ist und sich sehr wohl mit dem menschlichen Verhalten in Ausnahmesituationen auskennt. Vielleicht ist hier mehr gelaufen, als man sich gemein hin vorstellen mag.

    • Petra Grünendahl schreibt:

      Aus der Biografie von Michael Schreckenberg: „die Analyse von Menschenmengen in Panik“ … Das bedeutet für mich: Er analysiert das Unglück hinterher. Es geht ihm um die Bewegung der Menschenmassen und nicht um die Panikreaktionen einzelner Menschen. Der Mann ist Physiker, kein Psychologe!

      Sein Gutachten im Vorfeld der Loveparade bezog sich auf die Entfluchtung des Geländes in einer Notfallsituation. Mit „der Physik der Verkehrsströme der das Gelände betretenden Massen“ hat er sich dafür nicht wirklich befassen müssen. Wenn er es getan hätte, hätte ihm – wie vielen anderen kundigen und unkundigen (aber mit gesundem Menschenverstand ausgestatteten) Menschen – auffallen müssen, dass der Zugang (und gleichzeitig Abgang) so, wie er geplant war, physikalisch unmöglich war … DAS war aber NICHT Inhalt seines Gutachtens.

    • Petra Grünendahl schreibt:

      Wenn man sich genau überlegt (dazu reicht eigentlich auch ein Blick auf die Grafik vom Gelände/den Hallen oben), wäre der viel zitierte Zugang über die Autobahn auch keine Lösung gewesen: Die Freiflächen, die das Gros der Menschenmassen aufnehmen konnten, lagen – von der Autobahn aus gesehen – hinter dem Hallenkomplex, um den die Wagen herumfuhren. Ein Durchkommen wäre auch hier nicht gewesen, aber: Kein Tunnel, keine Massenpanik. Nur „Stau“ auf der Autobahn 😉

  4. Klaus schreibt:

    schreckenberg war gestern bei beckmann zum thema untergang der costa concordia. hab ich ja auch nicht schlecht gestaunt. sein tenor war wieder, panik gibt es eigentlich gar nicht, nur physikalisch ungünstige druckverhältnisse u.ä.

  5. Peter schreibt:

    Da bekommt jemand 20.000 Euro, wohnt in Duisburg und wird demnach auch die örtlichen Begebenheiten kennen.
    Als nächstes stellt er sich ins Fernsehen und behauptet, dass Sicherheitskonzept eingehend geprüft und für gut befunden zu haben.
    Dann passiert der Unfall.
    Zunächst beschuldigt der Schreckensforscher die unvernünftigen Toten. Diese hätten selbstgefährdent auf den Treppen herumgetanzt.
    Er wirft den Menschen also vor, sich in der Panik sich nach rationalen Gesichtspunkten unvernünftig verhalten zu haben….
    Etwas später behauptet Herr Schreckenberg, vor dem Tunnel eindringlich gewarnt zu haben.
    Bei den Ermittlungen stellt sich heraus, dass er sich damit aus der Verantwortung zieht, indem er behauptet der Tunnel hätte nicht zu seinem Aufgabengebiet gehört.
    Von Warnungen ist natürlich auch nichts bekannt.
    Ich bin ehrlich gesagt entsetzt ihn nun wieder fröhlich über weitere Paniksituationen (Condorcia etc.) im Fernsehen herumfabulieren zu sehen.

  6. tokchii schreibt:

    „Ich bin ehrlich gesagt entsetzt ihn nun wieder fröhlich über weitere Paniksituationen (Condorcia etc.) im Fernsehen herumfabulieren zu sehen.“

    Der Mann ist halt etablierter Experte. Ich bilde mit ein, ebenfalls Experte auf dem Gebiet zu sein, bzw. eher psychologisch, aber immerhin Großveranstaltungen betreffend, habe aber weder vor noch nach der Loveparade etwas von ihm gehört. Einschlägige Literatur auf dem Gebiet kenne ich recht gut und genau.

    Ist aber in einigen Bereichen so, dass hier gefeierte und anerkannte s.g. Experten außerhalb Deutschlands bedeutungslos sind. Vor nicht allzu langer Zeit feierte die deutsche Presse eine Forscherin, die das menschliche Gehirn besonders gründlich seziert hatte. So gründlich wie sonst keiner zuvor. Die Presse war begeistert. Die Gehrinstücke völlig unnütz und überflüssig. Brachten weder neue Erkenntnisse noch irgendwas anderes.
    Nachdem, was ich bislang über Schreckenberg weiß, gehört er in diese Kategorie Wissenschaftler. Und zur Verantwortung gezogen für den unsäglichen Lapsus, übersehen zu haben, dass die Berechnung der Besucherströme schlicht mathematisch unrichtig war.

    • Petra Grünendahl schreibt:

      Wer lesen kann, ist klar im Vorteil!
      Schreckenberg gegutachtete den „Entfluchtungsplan“ – also den Abgang vom Gelände im Falle eines Notfalles.
      Die „Berechnung der Besucherströme“ ist aber dem Zugang auf das Gelände zuzuordnen, mit der sein Gutachten so gar nichts zu tun hatte …

  7. Christian Rychter schreibt:

    Ich möchte mich zu der Person Prof. Michael Schreckenberg uch zum ersten Mal äußern. Nach meiner Meinung hätte er den Auftrag nicht annehmen SOLLEN/KÖNNEN (er hat schlichtweg vergessen sich die örtlichen Gegebenheiten anzusehen und nicht berücksichtigt wieviel Menschen tatsächlich kommen könnten).
    Wenn man sich die Fragestellung ansieht: Wieviele Menschen in den Tunnel passen, durchlaufen und zur Rampe gehen, wäre es dann absehbar, dass es zu einer Panik gekommen? Ich möchte mit einem Beispiel kontern: Als Herne gehe ich jedes Jahr einmal zur Cranger Kirmes -> an einem Samstag Abend (sprich zur Primetime). Die Wege sind voll mit Menschen und man kommt sich vor, als würde es eine Art gruppenkuscheln sein. Ich stelle jedes Mal fest, dass, wenn eine kleine Gruppe mitten auf dem Weg stehen bleibt um sich kurz ein Fahrgeschäft anzusehen sehen oder sich zu unterhalten der Menschenstrom von hinten kurz ins stocken kommt und nicht weitergehen kann.
    Was soll das jetzt mit der Loveparade zu tunhaben? Verdammt viel (wwenn nicht sogar alles). Wenn man überlegt, dass bei der Loveparade von vorne eine große Menschenmenge kommt um auf den Weg zu kommen und auf diesem Weg auf eine große Menschenmenge stößt, die auf das Gelände will und keine dieser Gruppen ausweichen kann, dann entsteht zwangsläufig ein Problem. Denn bei jeder der beiden Menschengruppen kamen immer weitere Menschen von hinten auf das jeweilige Ende der Gruppen und drängt zusätzlich auf den Punkt der Treppe zu.
    Es stellt sich die Fragen wie man es hätte sehen können undwie man das hätte ändern können? Warum ist das dem Prof. Michael Schreckenberg nicht aufgefallen? Beschäftigt er sich nicht grundlegend mit den Fragen was ein Stau ist, wie ein Stau ist und wie die Dynamik eines Staus ist? Warum ist Prof. Schreckenberg nicht vorab vor Ort gewesen? Wie kann jemand behaupten, dass Menschen sich in solch einer Situation nicht rational verhalten können?

  8. Christina Müller schreibt:

    Herr Schreckenberg hat für sein Gutachten sehr viel Geld erhalten, dafür gehört es sich über den Tellerrand zu schauen denn jeder normal denkende Mensch der sich im Vorfeld mit den kommenden Menschenmassen befaßt hat, fragte sich, wie wollen die die Leute führen. Als es los ging, haben wir immer wieder gesagt, nein, wie kann man solche Menschenmassen durch solch eine Röhre führen.
    Die Polizei hat meines Erachtens die größte Schuld, denn sie hat total versagt!
    Für mich gehört Herr Schreckenberg und der Polizeivorsitz an den Pranger.

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